Die Herstellung von Wirklichkeit

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Are you yourself when you're not relaxed? Take a deep breath ... Yannik

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Das Universum ist Qi. Akio

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Die Episode entstand in einer Kollaboration mit Musenzeit. Auch das Foto im Textfeld stammt von Musenzeit.

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Der Mensch ist ein Blinder, der vom Sehen träumt." Friedrich Hebbel

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„Mich gehen diese (römischen) Kaiser nichts an ... mich interessiert nur, dass sie zu Text von Tacitus geworden sind." Heiner Müller

Brustraumerweiterungen

Stets geht es um die Zehn. Wie erreichen wir, jeder für sich und alle zusammen, die Zehn. Jetzt ist Yannik Vortragsredner, Qi-Couch und Ausbilder für Selbstwirksamkeitstechnologie. Er testet seine Techniken bei jeder Gelegenheit, übt Suggestion im Dialog und trainiert seine performative Wirkung vor dem Spiegel. Er ist auf den Blutgeschmack des Geldes gekommen. Valerie hat ihm klargemacht, wie einfach sich Geld mit der Verbreitung von Hoffnungen und Schlagworten verdienen lässt. 

Jamal: Yannik wäre nicht Yannik, würde er das Qi-Gold groschenweise verscherbeln. Ich glaube, diese Dimension wird immer unterschätzt - da ist Begabung, da sind Fähigkeiten auf einem hohen Niveau. Das wirkt so anziehend wie die Schwerkraft.

Eigengenuss

Yannik pulvert sich auf und fährt sich hoch. Er regt die körpereigene Dopamin- und Norepinephrin-Produktion an. Norepinephrin ist ein im Mark der Nebenniere und im Nervensystem gebildeter Botenstoff und wirkt als Stresshormon und Neurotransmitter. Yannik dopt sich mit kontrollierter Atmung und Taiqi. Seine Schülerinnen machen die gleichen Übungen, erleben aber nichts Vergleichbares. Die Frustration stöhnt mit, aber auch die Faszination für den im Eigengenuss aufrauschenden Vorturner.

Mehr aus dem Leben von Sina und Akio - Von Jamal

„Nichts halte ich vor dir zurück - könntest du das sagen, ohne dich selbst zu beschämen?" 

Akio überrascht Sina mit dieser Frage, während sie nackt beieinander liegen, noch glühend. Sina verbirgt ihren Blick vor Akio. Er beschenkt sie mit Erlebnissen, die ihr zumindest manchmal das Gefühl geben, in seiner Schuld zu stehen und ihm nicht gerecht zu werden. Nie hört er auf, sie zu erforschen. Jede Beteuerung vermindert sich in seiner Aura zur Floskel. So viel erscheint unangebracht, was normalerweise den Paarverkehr regelt. Am Anfang glaubte Sina, ihre Zugewandtheit böte Akio einen so großen Reiz, dass sie unter dem Furnier der Offenheit, etwas zurückhalten dürfe. Jetzt weiß sie, wie vollständig er sie durchschaut. Seine Familie stammt aus Nara, der ältesten japanischen Hauptstadt, einem mythischen Ort. Hier ließ sich der - 255 vor unserer Zeitrechnung geborene - chinesische Magier und Entdecker Xu Fu aka Hsu Fu zum Kaiser krönen. Fortan nannte er sich Jimmu. Er begründete das bis auf den heutigen Tag bestehende Haus Yamato. An seinem Hof wirkten bereits Akios Ahnen. Seine Untertanen zählten zu den Nachkommen jener ozeanisch-polynesischen See-Nomaden, die mit Hilfe gesungener Seekarten und nautischer Wahrträume in kürzester Zeit den pazifischen Raum besiedelten. Im achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung stabilisierten Epigonen des chinesischen Fortschritts auf der Reisanbauschiene die tenno-japanische Kultur. In Nara verfasste Ō no Yasumaro um das Jahr 712 das „Kojiki". Mit diesen Aufzeichnungen legitimierte sich die herrschende Dynastie. 

Mehr aus dem Leben von Sina und Akio - Von Musenzeit

Sina lässt sich von Meili durch Taipeis Bezirke führen. Durch geschickte Fragen hat sie einige von Sinas Vorlieben in Erfahrung gebracht und zeigt ihr zuerst ein kleines, privates Papiermuseum. Sina befühlt die verschiedenen Papiere und bewundert ihre Einzigartigkeit. Vor ihren Augen erscheinen die alten Verse und Gedichte auf diesen Papieren, mit Tusche sorgfältig mit Pinsel aufgetragen, mit edlen Füllfedern geschrieben. Sie liebt die ästhetische Form der achtsamen Bewegungen aus der Stille heraus und versinkt in der Betrachtung eines an der Wand hängenden, menschhohen Schriftzeichens, das sie bereits gut kennt. Es hängt auch bei Akio und Yannik in ihren Übungs - Räumen. Sie deutet auf eines der Schriftzeichen, die als Aufdrucke überall zu finden sind. „Das hängt hier ja vor allem an den Häusern, auch verkehrt herum, nicht zu übersehen." – „Ja, fú, das Glück. Warum es verkehrt herum aufgehängt wird, dazu gibt es einige Legenden..."

Auf dem Weg zu Agora Garden (Tai Zhu Yib Yuan) schwelgt Meili ausführlich in historischen Geschichten, die Sina fast schon an Bibelgeschichten erinnern.

Von all den ausfeilten Details, Jahreszahlen und Dynastie-Hinweisen schwirrt Sina in der asiatischen Schwüle des Nachmittags schnell der Kopf, die Konzentration darauf ist mühsam. Noch dazu steht ihre Periode vor der Tür, die sich durch Verkrampfungen im Unterleib und leichte Kopfschmerzen bemerkbar macht. Das Licht ist durch die hohe Luftfeuchtigkeit um diese Zeit des Jahres ständig gedämmt, ein wenig seltsam fühlt sie sich, wie in einer Trance, als ob sie ständig durch die Luft in der Stadt schwimmen würde. Um ihre engagierte, herzliche Gastgeberin nicht das Gesicht verlieren zu lassen und zu enttäuschen, lässt sie sich nichts anmerken und atmet sich nebenbei frei im leicht beschwingten Gehen, das ihren Unterleib lockert. Jetzt fühlt sie sich etwas besser. Akio hat solche monatlichen Extra-Interventionen nie nötig, das kennen nur Frauen. Eigentlich hätte sie Meili ja etwas sagen können, das sind wieder diese alten Schamthemen, denkt sie sich. Bei Marianne wäre das überhaupt kein Problem.

Dann taucht das begehrte Bauprestige-Objekt der Stadt, das Preise und Auszeichnungen gewann, endlich vor ihnen auf. Sina lässt sich umgehend von diesem gelungenen Beispiel einer neuen, nachhaltigen Städtearchitektur einnehmen. Einige Fotos und Informationen gehen weiter in ihr Netzwerk. Marianne assoziiert gleich Hundertwassers visionäre Architektur, die sie einst in einem Wiener Museum entdeckt hätte. „In seinen Häusern hat er Zimmer für Bäume reserviert." Damals wurde er dafür noch als Spinner belächelt. „Ich glaube ja, jetzt ist genau die richtige Zeit, solche Visionen für Städte ernst zu nehmen und kreativ umzusetzen", tippt Sina zurück. „Dieses Gebäude ist rundum voller Pflanzen, auch Bäume haben Platz auf den Außenbereichen, die mit Regenwasser-Verteilungssystemen versorgt werden. Der meterhohe Wasserfall mit Natursteinen ist ein eye-catcher! Unterhalb des Gebäudes befindet sich ein besonderes Konstrukt gegen Erdbeben. Das alles als Wohnhaus, nochmal anders als beim 101. Allein die Ästhetik, die haut dich schon von den Socken. Eine riesige DNA-Helix. Liebe Marianne, stell dir vor: Laut Architekt war das Design eine eher zufällige Entdeckung. Es war die Rotation von Früchten der Flügelnuss in der Luft, die ihn dazu inspirierten. Soviel zu Achtsamkeit, Qi, Natur, Inspiration, Aktion." – „Was für Aussichten! Du, Sina, stell dir vor, ich las neulich darüber wie sehr Smog und Feinstaub auch in deutschen Städten Thema ist. Das sind echte Gesundheitsrisiken, besonders für Sportler. Wäre das nicht was, wenn z.B. Frankfurt wieder saubere Luft und Wohnraum mit solchen „grünen Wohnalternativen" hätte? Wenn man schon „groß" bauen mag, dann doch so, dass es auch lebefreundlich ist. Deinem Garten geht es übrigens gut, Juan bewahrt ihn vor jeglichen Verwüstungen in stolzer Toreromanier, wenn du weißt, was ich meine. Er ist so ein Schatz! Ich soll dich und Akio von ihm grüßen. Yannik will ihn mitnehmen zu einem seiner Aufträge, du wirst nicht glauben, wer ihn für einen Vortrag angefragt hat... " Sie verabreden sich für ein baldiges Telefonat.

Aus der Diskussion

Jamal: Vergeudet ein Mensch sein Jing, verliert er seine drei Schätze, ohne Bedauern, da er nie Kenntnis von ihnen erhielt. Die drei Schätze sind Jing, Qi und Shen. Jede Qualität besitzt greifbare, der kindlichen Anschauung zugängliche ... 

Musenzeit: Ist mit 'kindlicher Anschauung' der Anfängergeist gemeint?

Jamal: Nein, das ist wirklich spannend. Wir haben uns schon ein paar Mal darüber beiläufig unterhalten. Stichwort Qi-Stagnation. Es ist gefährlich, auf halbem Weg nachzulassen oder die Hingabe und die Dankbarkeit ganz zu verlieren. Wir sind uns doch einig, dass Dankbarkeit ein Qi-Schlüssel ist. Als Kind und als Jugendlicher in einer normalen Umgebung erlebst du natürlich auch starke Qi-Aufladungen. Du weißt bloß nicht, was das ist. Das Qi wirkt selbständig. Empfängliche entwickeln sehr unterschiedliche Strategien, um ihren inneren Garten zu kultivieren. Unter Umständen kommen sie dabei nie auf unseren Begriffskosmos. Das meinte ich mit kindlicher Anschauung. Die unbefangene Auffassung des Lebens gestattet jedem reiche Qi-Ernten. Aber das ist natürlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein dessen, was möglich ist.


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