Brustraumerweiterungen und Selbstgenuss

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„Brandstifterische Schwüre" - Richard Ford über den Sturm aufs Kapitol

„Vielleicht haben alle gewaltsamen Aufstände - und das ist es, was wir erlebt haben - in bestimmten Momenten eine karnevaleske Dimension.

Beteiligte (sonst bekannt als Aufrührer), die lachen und in Clownskostümen und Bühnenschminke herumtollen, die Selfies und Videos des Chaos machen, während es sich ereignet. Ihre verwirrten Präzeptoren, die brandstifterische Schwüre und Verwünschungen ausstoßen, ohne groß darüber nachzudenken, was sie sagen oder welche Folgen es haben könnte. Es ist ein wenig wie beim Lynchen, wo Eintrittskarten verkauft wurden ..."

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Alle Bewegungen und Umwandlungen im Universum und im menschlichen Körper ergeben sich im Qi-Geschehen. Marianne 

"When people apply pressure, I feel comfortable and agile. Wherever the opponent touches me, I generate power. Every inch of movement is power. From every point of contact, I have full power." Adam Mizner

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Verfolge deine Leidenschaften, ignoriere den Lärm und wachse authentisch. Marianne

Soziale Reliefs 

Wir gehen so leichtfertig mit allem um, was uns umgibt. Wir wähnen uns im Schutz von Selbstverständlichkeiten, wo es weder Schutz noch Selbstverständlichkeit gibt. Yannik fragt in die Runde seiner Schülerinnen: Was ist ein Gefühl? Der Frage folgt eine Yannik vertraute Ratlosigkeit. Wieder beschleicht ihn die Empfindung, er habe eine Sprengung veranlasst.

Yannik als Sprengmeister, der Hochhäuser der Selbstgewissheit in die Luft jagt. Ich frage Musenzeit, ob sie sie ihn mit ihren Seelenaugen so sehen kann. Für sie zählt nur, dass Marianne und Yannik zusammenbleiben. Beide machen Karriere. Manchmal sieht man Marianne in einer TV-Epertenrunde. Sie könnte eine eigene Sendung kriegen. Doch liegt ihr das nicht. Sie ist die wertvollste Lehrkraft an der Ederthaler Landgraf Philipps Universität. Die kleine nordhessische Universitätsstadt verdankt allein ihr eine von niemandem vorhergesehene Prominenz. Ederthal ist der deutsche Qi-Spot. Pilgerpfade führen dahin. Spirituelle aller Couleur belagern die - in esoterischen Reiseführern beworbenen - Schauplätze des Hypes.

Gefühle entstehen in einem Labyrinth physiologischer Reaktionen und kognitiver Prozesse. Jeder glaubt, sie von Gedanken unterscheiden zu können. Doch ist das nicht so einfach.

"Thoughts drive physiological processes."

Das ist eine Qi-Business-Binse. Yannik sagt sie bei jedem Ersttermin auf. Man erwartet von ihm den Vortrag in der internationalen Trainersprache. Yannik liefert wie bestellt. Gefühle auf den Gedankenfluren sind Produkte von Neuromodulatoren. Mit solchen Begriffen punkten die Branchen-Haie im avancierten Jetzt. Der Jargon entscheidet über die Vertrauenswürdigkeit. Yannik könnte Leuten Heilung bringen, sie wollen von ihm lediglich ein bestimmtes Format. Nur das überzeugt sie. Yannik muss Worte wie Neuromodulator aufsagen, sonst glauben sie, er kann nichts. Sie können nicht sehen. Ihre Körper sind ausgeschaltet. Sie verrotten in Sphären verbotener Nachlässigkeit.

Stichwort: Mit dem ganzen Körper sehen lernen.

Yannik assoziiert phantasmagorisch traumatisiertes Todholz. Das passt gerade nicht so richtig. Auch für ihn ist Schreiben ein Teil der Qi-Praxis auf der Linie Bewusstsein - Sprache - Phantasie - Vorstellungskraft. Zu dieser Linie gehört viel Körperliches. Die Linie beginnt mit der Atmung, dem bewussten Erleben von Bändern und Sehnen. Das Verhältnis des Skeletts zur Sprache. Die Sprache funktioniert wie ein Kontrastmittel.

Einblick in das Werkstattgeschehen:

Ich bewege meinen Thorax unter dem Dach der Schulter, ohne das die Schulter und die Arme sich mitbewegen. Ich atme ein und lasse in meinem Brustkorb, den ich als Walze erlebe, den Atmen/die Kraft zirkulieren. Ich kriege eine Verbindung zu meinem Becken und ahne, dass ich irgendwann auch die Beine an diesem Prozess beteiligen kann. Der ganze Vorgang ist berauschend.

Szenen aus dem Randgeschehen - Die verlorene Leichtigkeit des Seins und andere Cappuccino-Schaummotive

Nach einer Qigongstunde badet Jana im Abklingbecken der Unzufriedenheit. Sie fühlt sich eingereiht in das Heer jener Frauen, die mit neuer Unterwäsche und einem Frisurwechsel ihrem Alltag erotischen Kleinmist abzuringen versuchen.

Jana fehlt der Sinn für Geschichte. Sie lebt im Rausch der Gegenwart. Yannik beobachtet seine Schülerin in dem auf Erwartungen eines veganen Publikums zugeschnittenen, mit einem die Ederaue exploitierenden Panoramablick aufwartenden Café Soylent Blue, wo Jana für neun Euro pro Stunde Cappuccino-Schaummotive fabriziert, Sesamriegel in den Ständer an der Kasse sortiert, die Tagesgerichttafel beschriftet und jede Menge Obst und Gemüse schneidet. Vegetable Flash ist ein Wort aus diesem Milieu. Es spielt mit der phonetischen Nähe zu flesh.

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Valerie erfindet soziale Reliefs aus unregelmäßigen Belohnungen. Sie hält das Personal in einer - den freien Atemfluss störenden - Erwartungsspannung. Alle paar Wochen lässt sie Yannik einfliegen, damit er die kollektive Angestelltenschulter lockert.

Valerie ist seelisch und mental im Steinzeitdschungel hängengeblieben. In Yannik erkennt sie einen Ebenbürtigen, obwohl sie ihm gesellschaftlich haushoch überlegen ist. Bei jedem Treffen prüft sie seine Widerstandskraft. Gleichzeitig weiht sie ihn ein.

Wie viel Zeit eine Idee hat, bevor sie zum Allgemeinplatz verkommt, ist eine Frage von großer Bedeutung. Clausewitz sagt, man darf nicht zu lange an der Gegnerin kleben, weil sie sonst die Methoden übernimmt. Obamas erster Wahlsieg etablierte Valerie in der ersten Reihe ihrer Branche. Nicht anders als alle ihre Rivalinnen verkaufte sie allgemein verfügbare Informationen als ihr eigenes Produkt. Sie spezialisierte sich auf Facebook-Fake-Seiten. Der Empfehlungsalgorithmus sorgte dafür, dass die Profile in den Feeds (für die Botschaften ihrer Klientinnen) Empfänglicher auftauchten. Echte Verbraucherinnen reagierten auf Scheindebatten und machten sie zu vitalen Größen.

Es fand ein Austausch über dem Grab der Lüge statt.

Die Bedeutung von Lügen für das Leben - die Reaktion auf etwas Erfundenes entsprechen Selbstinfektionen. Es brauchte zunächst kaum zehn echte Facebook-Benutzerinnen, die auf dem viralen Leim zappelten, um ein Narrativ zu verbreiten, in dem das Erregungspotential für eine Stampede steckte.

Profilparanoia

Für Yannik ist das Gong-fu. Es muss ihn interessieren. Das weiß Valerie. Sie sagt oft wir, obwohl sie allein sich meint.

Valerie in ihren eigenen Worten:

Wenn ich im ersten Obama-Wahlkampf irgendwas gelernt habe, dann, dass ein Einzelner durchaus viele sein kann; ob ihm das nun passt oder nicht. Ich wandte die skalierte Version einer Taktik an, mit der wir früher Drogenkartelle in Bananenrepubliken angegriffen hatten. Damals wählte man einen Gangster mit paranoidem Profil. Dessen Misstrauen gab man Nahrung. Der Bearbeitete steckte kritischere Köpfe an, und schon lief die Organisation von innen heraus unrund. Von daher kann ich jedem nur raten, auch dann noch von Normalität auszugehen, wenn sichere Anzeichen dagegen sprechen. Notfalls verzieht man den Normalitätsbegriff wie eine zu kurze Bettdecke. Wer aus diesem Konzept aussteigt, verliert den Boden unter den Füßen. Wem das klargeworden ist, teilt fortan mit allen Wissenden ein Unbehagen. Er weiß, dass es nicht darauf ankommt, ob etwas real ist. Entscheidend ist, dass es sich real anfühlt.

Ich kann jederzeit tausend Aktivistinnen in einem Radius von fünfhundert Kilometern mobilisieren. Wir verabreden Sammelpunkte, Fahrdienste, Bus- und Bahngemeinschaften. Die Leute halten die Plakate hoch, die mein Alpha-Team ihnen in die Hand drückt. Sie lassen sich so einfach aufstellen und verschieben, dass ich sie intern Kegel nenne. Das sind meine Kegel. Sie selbst wähnen sich selbstverständlich unter einer pompösen Sonne der Selbstermächtigung. Das sage ich Ihnen unter uns: Ich spreche jeder Aktivistin den freien Willen ab.

Ich hätte gern Yannik als einziges Männchen in der Rudelführung. Jeden Monat mache ich ihm wenigstens ein berufliches und ein privates Angebot. Er ignoriert konkludente Akkorde der Animation genauso wie explizite. Und doch versorgt er mich. Er lässt mich kommen, ohne sich die Blöße einer Beteiligung zu geben; etwa wenn er physiotherapeutisch auf mich einwirkt. Mit Zustimmungslauten an der Grenze zwischen Sexualität und bloßer Ungezwungenheit quittiere ich das abgedeckte Entgegenkommen. Ich träume davon, dass er mich zwischen den Geräten in meinem Kraftraum nimmt. Sein Sexappeal ist überwältigend. In Manifestationen gönne ich ihn mir monumental und nicht nur in den homöopathischen Dosen und Fingerhut-Dimensionen, die er sich selbst mir gegenüber gestattet. In den Vereinigungen offenbart sich meine wahre Natur. Ich bin die Chefin meines Werwolf-Clans. Meine Kraft sprengt den menschlichen Rahmen. Und nun sage ich Ihnen, Yannik ist noch stärker als ich, und doch ist er kein Werwolf. Ich möchte an dieser Stelle Rachel Cusk zitieren: „Farne sind älter als Mann und Frau, älter als richtig und falsch. Sie sind geschlechtslos und haben weder Samen noch Blüten."

Denke ich an Yannik, sehe ich ihn in einem Farnwald. Ich sehe einen Ranger der Unbeirrbarkeit.

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Wir, das ist, was gerade gebraucht wird. Das ist in jedem Fall auch das Alpha-Team für eine bessere Welt. Am Anfang erschöpfte sich der Plural in meiner Person, doch nun sind wir zwanzig Stammspielerinnen auf der Leistungsebene. Spitzenpositionen besetze ich nur mit Frauen. Sie sind in jeder Hinsicht effektiver.

Nicht in meiner Nachbarschaft/ Hilfe als Codewort der Ablehnung

Zurück zu unserem Thema. Die Idee war, das US-amerikanische Establishment so zu destabilisieren, wie wir lateinamerikanische Kartelle mit der skalierten Version einer schlichten Desinformationsstrategie aufgebohrt hatten. Es war die alte Geschichte von einem Gerücht, das die Runde macht - nur eben auf einem viralen Parcours.

Man erzählt einem ehrgeizigen Gangster auf der mittleren Führungsebene, dass sein schärfster Rivale von den Bossen als kommender Mann gehandelt wird und schon geht der Geiertanz los. Solche Leute schießen sich gegenseitig sofort über den Haufen. Das kommt aus einer unerforschten Hysterie.

Die Verkehrsgewohnheiten der Verbrecher pervertieren das Gesetz des Handelns. Sie entkoppeln es von allen Überlegungen. Man ballert sich so lange zu, bis man weggeknallt wird.

Das ist natürlich alles sehr öde.

Im Auftrag Moskaus sollte ich dieses Dumper-Rodeo in Kreisen des Washingtoner Establishments veranstalten. Man isoliert den Kandidaten oder die Kandidatin, bis sich die Bedrückungen der Einsamkeit drastisch auswirken. Dann bietet man der Person eine oder mehrere Leidensgenossinnen zur gemeinsamen Absonderung an. So entwickelt man eine subversive Untergruppe innerhalb des infiltrierten Systems. Die Abgesonderten wirken wie Viren. Sie infizieren die Organisation, ohne dass die Wächterinnen sie als Feinde identifizieren können.

Es gab bereits jede Menge Bestrebungen, neurotische Bürgerinnen mit verschwörungsmythischen Neigungen in viral-reale County-Chapters zusammenzufassen. Auch die Alt-Right-Bewegung blubbert aus einer viralen Blase. Ich hatte den Dschungel in meinem Kopf ... dieses Lautlose, Eingegrabene ... die Übergangsgerüche zwischen Verwesung und hypertropher Vitalität. Mir schwebte eine paranoide Hillary Clinton in durchgeknallten Kostümen vor.

Ein Snap, der stets funktioniert, bleibt die breit gestreute Behauptung, eine sonst wie definierte Gruppe sei genetisch zum Scheitern verurteilt. Wenn ich mir so angucke, wie Spaßvögel mit Begriffen wie Schwurbler und Esoteriker arbeitet, fehlt nicht mehr viel bis zu der Überzeugung, dass sie für Moskau arbeiten, ohne es zu ahnen.

Angst vor sozialer Isolation bestimmt den Verhaltenskurs der meisten. Gibt man Leuten die Chance, sich anonym auszukotzen, greifen viele gierig zu. Das funktioniert wie Pornografie und ist in gewisser Weise auch Pornografie.

Einige öffnen die Mördergrube ihrer Herzen so eifrig wie Ertrinkende um ihr Leben kämpfen. Sie geben dem Schwulst in sich eine bizarr-kolossale Bedeutung; so als erschöpfe sich ihre Persönlichkeit im Ressentiment.

Ich machte zutreffende Voraussagen zur Formbarkeit der amerikanischen Psyche. Ich hielt Rassismus für den Schlüssel zum Verständnis. Ich testete meine Hypothese, indem ich eingefleischte Demokraten fragte, ob sie sicher seien, dass Schwarze ohne die Hilfe der (weißen) Gesellschaft gut existieren könnten. Wir befreiten die Befragten von dem Korsett der Konventionen. Wir suggerierten ihnen die Freiheit, ihre geheimen Vorbehalte preiszugeben.

Ich spürte eine Erleichterung in der Nähe von Glück, die Maske fallen lassen zu können. Ich erlebte große Dankbarkeit. Eine Yogalehrerin in Indiana schoss den Vogel ab. Anevay Miller offenbarte den reaktionären Kern eines Lebensentwurfs, der wie die Faust aufs Auge zu den Neuen Sozialen Bewegungen passte. Anevay gab sich queer und regenbogig. Ihre Attitüde war absolut aktivistisch. Sie gerierte sich als Obama-Fan. Aber darunter verbarg Anevay eine potentielle Trump-Wählerin, die Angst davor hatte, abends aus dem Haus zu gehen. Keinem ihrer Bekannten traute sie ihren Schutz zu. Und das, was sie fürchtete, entsprach zu hundert Prozent dem, was bekennende Republikanerinnen fürchteten. Anevay wollte keine Schwarzen und keine Migranten in ihrer Nachbarschaft. Unter normalen Umständen coverte sie ihr Unbehagen mit Hilfsangeboten.

Ich verstand, dass Hilfe ein Codewort der Ablehnung sein kann.

Ein anderes Widerspruchspaar ist Aufklärung und Dünkel. Befragte, die sich für akademisch aufgeklärt hielten, verbargen oft einen starken Dünkel, der sich dann Geltung verschaffte, wenn man eine Entre-nous-Atmosphäre schuf. Dann nahmen die Probanden fast automatisch eine erhöhte Position ein, oft in unbewusster Rivalität mit anderen Akteuren der ausgewählten Kohorte. Sie verrieten sich in ihrem sozialen Ehrgeiz. Der Ehrgeiz offenbarte eine tropfende Verachtung für Hillarys basket of deplorables.

Ich entdeckte Gated Community des Geistes, in denen ein Geist hauste, der sich nicht identifizieren lassen wollte, als dass, was er war: nämlich ein Sozialdarwinist im demokratischen Betttuch, der sich ständig fragte, warum müssen wir das alles für die Schwachen tun. Warum können die das nicht selbst?

Ich extrahierte die unterschwelligen Vorurteile in den Rotweinanalysen, die ich vor allem in hochmodernen Wohnküchen verortete. Niemand hat sie je besser zusammengefasst als Michael Gerson in der Formulierung: „Die sanfte Bigotterie geringer Erwartungen."

Ich verglich die Strategie der Demokraten mit Mafiamanövern, bei denen die Stimmen ganzer Bezirke einem Kandidaten garantiert werden. Man hält sich Minderheiten als Stimmvieh, ohne einer echten Emanzipation Richtung mehrheitsgesellschaftlicher Teilhabe Vorschub zu leisten.

Minderheiten bildeten ein Reservoir, das nicht mit (zum Beispiel Infrastruktur-)Leistungen geschmiert werden musste, wie sie der Mittelstand erwartete. Man konnte sie abspeisen. Das heißt, sie waren billig, und sie gehörten den Demokraten.

Ich arbeitete mit Leuten zusammen, die Amerika abschaffen wollten. Mein Lieblings-Strohmann war ein Vietnam-Veteran. Er verkörperte einen Graswurzler-Patrioten. Er studierte das Stimmvieh, wie er den Vietkong studiert hatte. Kaltblütig, ungerührt, seelenruhig. Trent lebte in einer Verfassung absoluter Gegenwärtigkeit. Er atmete die Luft, die alle atmen, aber er bewegte sich anders ... absorbierend und projizierend. Er hatte die Externalität überwunden.


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