Okinawa Te

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„Der Flow ist sehr fein mit Malia und ihrem Meister." Musenzeit

"Tai Chi is born from Wuji, the mother of Yin and Yang. When it moves, it separates, and when it is still, it unites." Yuan Zhi, Source: @yuanzhi.taichi

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"In good times, you cultivate your strength; in bad times, you cultivate your mind; in peace times, you cultivate your body." Yuan Zhi, Source: @yuanzhi.taichi

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"Power rises from the feet, energy is born from the dantian." Yuan Zhi, Source: @yuanzhi.taichi

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Shakespeares 'Hamlet' in Heiner Müllers historischer Betrachtung: „Das Furchtzentrum des Stücks ist der Riss zwischen zwei Epochen."

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„Nur aus unserem Leib wissen wir, was wirkende und ertragende Kraft ist. Und dies wissen wir nur aus unserer inneren Empirie." Salomon Stricker

Aus der Diskussion

Musenzeit: Erklärst du das mit der blind side noch genauer?

Jamal: Sehr gern. Wenn jemand direkt vor dir steht, kann er seine Kraft über seine Hauptkraftlinie auf dich ausrichten. Winkelst du intelligent, befindest du dich im Weiteren auf seiner blind side. Mit einer einfachen, keinesfalls martialischen Bewegung versetzt du den Gegner in einen Nachteil. Er kann nun nur noch eingeschränkt agieren, während du deine Mittel vollständig über deine Hauptkraftlinie auf ihn ausrichten kannst - alignment and forward tension. Dies geschieht auf der Linie Abstraktion - Antizipation - Kontraintuition - Abstände - Linien - Winkel - Biomechanik - Psychologie - Intuition.

Musenzeit: Danke für die Ausführung, ich kann mir das Prinzip nun zumindest etwas besser theoretisch herleiten für Malias Trainingseinheiten.

Jamal: Du kannst das Prinzip der Ausrichtung auch auf die geistig-seelische und auf die mentale Ebene transportieren. Da ist es genauso hilfreich. Agravain erklärt Malia: 'Someone who disregards the principles can't be superior to you.' Die beiden trainieren seit Stunden unter sengender Sonne. Agravain treibt Malia über ihre Grenzen. Er verausgabt sich an ihr, da sie ihm in einem Traum als seine Nachfolgerin erschienen ist.

Musenzeit: Malia möchte ihrem Meister beweisen, dass sie seine Zeit und seinen Einsatz wert ist. Sie ist ihm so zugetan, dass sie die Anstrengung erst spät bemerkt. 'Mir ist so unglaublich heiß', stöhnt sie schließlich. Sie meint, den Meister kurz schmunzeln zu sehen. Hat er darauf gewartet, dass sie das sagt? Sie machen eine Pause im Baumschatten und trinken eine Schorle.

Jamal: Und nicht nur das. Er zieht Malia zu uns, sie spürt seine Hand unter ihrem Po und das Kribbeln von dieser kleinen Berührung macht ihrer Erschöpfung augenblicklich ein Ende. Da küsst er sie, und sie erreicht mühelos den Grad an Gelöstheit, den sie im Training noch lange nicht erreicht. Agravain weist sie darauf hin. Er versäumt es nie, einer Verbesserung den Weg zu bahnen. Er bettet Malia unter sich und murmelt etwas, das sie wohl versteht. Was sagt Agravain zu Malia?

Musenzeit: Ah, Jamal - diese Szene, sie ist so besonders! - Wir hören keine Worte, nur die Augen verraten es. Malia atmet tief, führt die gelöste Bewegung weiter und überrascht sich und ihren Meister.

Malia

Resterampe Kinderzimmer. Was anderswo nicht mehr zu gebrauchen war, schob man ab in die Zimmer von Justine, Juliane und Julian. Der Junge erbte ein Ensemble aus schwarzem Kirschholz, an dem er Gefallen fand. Julian Melville war ein Versprengter des 19. Jahrhunderts. Er verlor sich in Allegorien von Geburt und Tod. Er band sich eine Krawatte um und beschritt einen Teppichboulevard. Er machte aus sich einen Osmanen. Ein berüchtigter Ahne war mit einer kroatischen Bauernmiliz einst vor Saverne aufgekreuzt und hatte sich bald die Burg Hohbarr unter den Nagel gerissen.

Château du Haut-Barr - Die Festung erhebt sich über dem Zorntal auf drei markanten Felsbrocken. Einst diente sie Straßburger Bischöfen zur Verteidigung ihres Reviers. Im 18. Jahrhundert wurde sie von Panduren und Heiducken gestürmt, die unter Franz Freiherr von der Trenck stritten. Heiduck geht auf das immer noch gebräuchliche haydut (türk. für Schlingel) zurück.

Die ihm hörigen, im asiatischen Look mähenden Landsknechte erschienen den Elsässern wie Wiedergänger der Hunnen. Ihr Anführer, ein halber Preuße, hatte die psychologische Wirkung der Brutalexotik bedacht. Dabei waren die Leute einfach nur noch nicht lange genug Habsburger Fußvolk, um ihre türkische Prägung schon verloren zu haben.

Im Schloss der Melville hielten sich alle möglichen Verwandten auf. Eine verwitwete Tante erblindete vor den Augen der anderen an der Nähmaschine. Eine erschütternd saftlose Figur wurde manchmal zu niedrigen Diensten herangezogen, obwohl sie als Cousin des Schlossherrn ihren Platz einnahm. Hubert war ein von Kindern geduzter Niemand, der vor einer hochgezogenen Braue davonlief, um seine dünne Haut zu schützen. Ihm diente das Schloss als Zuflucht.

Für viele im Ort war Julians Familie gerade angekommen, obwohl sie seit drei Generationen in Birkenfeld und seit Jahrhunderten in der Gegend lebte. Das Vogesental war bekannt für seinen Wildreichtum. Hirsche standen wie hypnotisiert zum Abschuss bereit. Vornehme Jagdgesellschaften kamen deswegen. Alle sprachen auch Deutsch.

Wer nur Französisch konnte, war nicht comme il faut.

Julian fand die Eltern unbrauchbar. Sie platzen aus allen Nähten der automatischen Anpassung. Sein Idol war Onkel Luc, der das abenteuerliche Herz des Neffen karabennemsisch höherschlagen ließ. Luc war ein verheirateter Junggeselle ohne Kinder. Sein Frohsinn förderte die Schwermut der Gattin. Er kalauerte rücksichtslos, zettelte Aufstände gegen das Regime von Julians Vater an und lud zu kleinen Verschwörungen ein. Er wusste: „Man darf die Führung von Löwen keinem Schaf anvertrauen."

Julian war klar, dass gut mit stark zusammenhing und die Güte der Schwachen wenig bedeutete. Auf dem Gymnasium war die Verspottung der bürgerlichen Mitte modern. Julian hielt sich abseits und trat beiseite, sobald ein Mutwille ihn streifte. In den Vertretern der Gegenkultur erkannte Julian kostümierte Angehörige der herrschenden Kultur, die in Garagen Underground spielten und glaubten, wie Popstars sonst wohin aufsteigen zu können. Vereinzelt war es schon zu Schwangerschaften gekommen, die Hochzeiten plötzlich notwendig gemacht hatten. Das bürgerliche Elsass war eine emsige Erwerbsgemeinschaft, eingestellt und angewiesen auf Nachwuchs und Verstärkung. Gutmütiger Fleiß wurde höher geschätzt als Intelligenz. Man bewies Bonhomie in allen Lebenslagen.

Man existierte in einer umfassenden Ordnung. Man durfte sich Zeit lassen beim Sterben. Nur die Ärmsten lagen schließlich mit solchen Löchern in ihrem Dreck, dass man eine Faust hineinstecken konnte.

Die Geschwister besuchten die Burg Hohbarr, die sie in lustiger Weise zum Familienbesitz rechneten. Da begegnete Julian Annabelle von Pechstein, gebürtig und wohnhaft im nordhessischen Ederthal. Der Legende nach zeugten sie noch am selben Tag ein Mädchen. Es wuchs bei der Mutter auf, Julian kam dazu, als ich mich schon sehr über ihn wundern konnte. Ein Fremder, als Vater deklariert. Die Rolle hatte längst ein anderer. Doch behielt er sie nicht. Am Ende merkwürdiger Aushandlungsprozesse wohnte Julian bei uns. Der Ziehvater endete in dieser Familiengeschichte als Ex meiner Mutter. Manchmal sehe ich ihn. Er hat noch mal eine Familie gegründet und grüßt freundlich.

Ich bin eine von Pechstein geblieben. Malia von Pechstein. Vielleicht plaudere ich bald wieder aus dem Familiennähkästchen. Sie bildet das Arrondissement des Romangeschehens. Wegen Julian fällt es mir leicht, mich als halbe Französin zu fühlen, auch wenn sein Clan zu einem Gutteil so deutsch ist wie jeder Pechstein.

Ich war kaum einmal zu Besuch bei Agravain, als er mir die kargste Kammer in seinem Haus als Bleibe anwies. Bis dahin hatte ich stets begünstigt von glücklichen Umständen und guten Beziehungen komfortabel gewohnt und war doch keinen Augenblick bekümmert wegen des Abstiegs. Mich erwartete ein Noviziat. Ich würde neu geboren werden in der Macht meines Meisters. Das wollte ich mit jeder Faser meines hochschwingenden Seins.

Zu unseren Routinen gehörten Waldspaziergänge. Es wurde ständig geschossen. Nichts war sorgfältiger ausgearbeitet als die Schneisen zwischen so geschickt versetzten Hochsitzen, dass die animalische Arglosigkeit von zwei, mitunter sogar von drei Seiten angegriffen werden konnte.

Man betrieb Massentierhaltung im Wald. Der Verbiss zeigte, worauf nicht geachtet wurde. Röhren zum Schutz junger Sprossachsen lagen wild abgeworfen herum und bildeten unschöne Halden.

Wir spielten eines unserer Spiele. Ich durfte fragen, was ich wollte, während Agravain so behutsam und ausdauernd antworten musste wie ein Vorschullehrer. Das entsprach einem Kredit, der mir auf ein Versprechen hin gewährt wurde. Ich hatte versprochen, meinem Meister zu gehorchen. Agravains Verlangen zielte auf mein Formung. Im Rahmen einer mythischen Gong-fu-Ordnung wollte er mich zu seinem Geschöpf machen. Sein Humor und seine Intelligenz hinderten ihn nicht daran, das vollkommen ernst zu meinen. Leicht fiel ihm die Strenge, die er in den Exerzitien walten ließ. Er beobachtete mich, ob ich auch nur innere Ausflüchte wagte. Doch das tat ich nicht. In Agravains Fokus zu leben und mit seiner Hilfe mein Qi-Potenzial zu fördern - das war berauschend. Mein genitaler Puls pochte beinah unterbrochen. Die Erregung maskierte sich als Qi-Flow.

Ich fragte: „Was zählt mehr - Begabung oder Fleiß?"

Agravain entgegnete: „Fleiß."

„Und wie verhält sich Begabung zur Qi-Befähigung?"

„Sie ist eine Sackgasse im schlechtesten Fall und im besten Fall ein Umweg."

Dann waren wir wieder auf Agravains Anwesen. Wir härteten unsere Hände. Ich hatte meine heimlichen Vorbehalte - Hände sind Greif- und keine Schlagwerkzeuge - nach einem Traum aufgegeben und schlug nun täglich eine wie aus der Luft gegriffene, mich betörende Partitur auf elastisch resonierende Birken und solide gestapeltem Festmeter, der zur Absorption des Rückstoßes erzog.

Agravain redete nie von Abhärtung. Sein Wort an dieser Stelle war Konditionierung. Wir konditionierten uns. Zur festgesetzten Stunde erweiterte Xuan den Kreis. Mir war zugetragen worden, dass der Südvietnamese Saigon bereits im April 1975 wohl im direkten Zusammenhang mit dem amerikanischen Abzug und im Geleit einer großen Familie verlassen hatte. Die Familie war von der Besatzung eines deutschen Hospitalschiffs geborgen worden. Sie hatte in Fritzlar die Taekwondo-Abteilung eines ursprünglichen Judovereins aufgebaut und in Ederthal das weit und breit erste vietnamesische Lokal eröffnet.

Lachender Spuk und beweglicher Greis - Xuan kam vom Gong-fu, war Danträger in verschiedenen Stilen. Doch sein Programm nannte er Okinawa Te. Das auf Okinawa im Mittelalter mutierte chinesische Boxen hat keine Verbindung mit der Kampfkunst der japanischen Kriegerkaste. Die Samurai (Bushi) trainierten keine Urform des Karate. Sie gingen von Waffen aus, deren Verlust einem Todesurteil ziemlich nah kam. Auf dem schmalen Grat einer Begegnung zwischen einem Bewaffneten und einem Entwaffneten setzte man auf Techniken, die später im Judo und Aikido entschärft wurden.

Grundsätzlich lassen sich Kulturen unterscheiden, indem man der Frage folgt, ob sie Kampf primär vom Ringen oder vom Boxen her begreifen. Die klassischen Griechen waren eher Ringer als Boxer, Türken und Bulgaren sind bis heute Ringer. Auch die Hauptinseljapaner ziehen das Hebeln und Werfen traditionell vor. Karate bewahrt einen großen Apparat an Jiu-Jitsu-Techniken.

Die Kraft des Gegners gegen ihn einzusetzen und auf fremde Stärke andere als unwillkürliche Antworten in Erfahrung zu bringen und folglich geben zu können, verspricht einen Rausch ohne Reue. Agravain ermahnte mich, einen Namen im Gedächtnis zu behalten: Morio Toyama Kaichō.

Jahre später fragte mich Kaichō Toyamas Tochter Tomoko:

„Glauben Sie an Wiedergeburt?"

Ich wusste darauf nichts zu sagen. Alle Entgegnungen waren billig zu haben.

Tomoko ergriff mich seltsam zudringlich an einem Ärmel.

„Ich sehe, dass Sie ihre Hände hart gemacht haben. Sie waren doch lange dagegen."

Woher wusste sie das?

„Vor zehn Jahren und kurz vor seinem Tod hatte mein Vater einen Traum, indem Sie vorkamen. Und jetzt sagen Sie mir, dass Sie nicht vor zehn Jahren angefangen haben, ihre Hände im Style ancien zu trainieren."

„Doch, damit habe ich vor zehn Jahren begonnen, nach einem Traum."

„Und von da an sind Sie stetig besser geworden."

Ich war baff. Wie war ich in den Traum eines japanischen Großmeisters geraten? Und konnte jemand in einer lebenden Person wiedergeboren werden? Tagelang bebrütete ich die Rätsel. Endlich erlaubte ich es mir, Agravain darauf anzusprechen. Mich überraschte seine milde Reaktion. Er hatte mir schon so oft den Kopf zurechtgesetzt und sich bis zur schieren Ungerechtigkeit über meinen Vorwitz lustig gemacht.

„Die Kampfkunstevolution sucht sich ihre Akteure. Meister der Universalklasse wissen voneinander. Die Kunde transportiert sich in Neurotransmittergewittern auf transkontinentalen Traumpfaden."

Zu meinem Korrespondenztraum - Ich hatte eine Stimme vernommen, ohne sie eine Person zuordnen zu können. Gesagt wurde: Härte deine Hände ab. Nach der Erwachen erinnerte ich die Aufforderung als einen Befehl aus einer anderen Welt. Vielleicht auch nur aus einer anderen Zeit. Ich assoziierte arktische Kälte, primitive Behausungen, eine wüste Steppe am Fuß eines schier senkrecht aufragenden Gebirges. Pferde und Kamele. Eine rural-archaische Kulisse, in der die Abwendung von beißendem Hunger schon das Beste war, was sich erreichen ließ.

Ich distanziere mich von diesem narrativen Vorgriff und kehre in die Handlungsgegenwart von 20.. zurück. Ich stand am Anfang. Der Anfang bestand darin, zu begreifen, dass ich mich verrannt hatte. Ich wusste nichts nach fünf Jahren Hochschulsport. In einem vor sich hin plätschernden Training waren alle Konturen verwischt worden. Dabei hatte ich mich nie konzentrierter erlebt als in Agravains Gong-fu-Kurs. Dass das alles nichts gewesen sein sollte und sogar gar nichts gewesen sein konnte, war die erste Lektion, die mir Agravain grundsätzlich wenig schonend und mitunter schroff beibrachte.

„Du kannst das Wesentliche nicht begreifen, wenn du so lebst, wie es normal ist, so unbewusst und von Launen bestimmt. Mal hierhin und mal dahin gezogen. Du musst alles dem Gong-fu unterordnen, um dieser Sprache wenigstens mit deiner Haltung gerecht zu werden."

Agravain lehrte mich die Siu Nim Tao - die erste Wing Chun-Form. Ein Jahr verging, bis ich die kleine Idee in ihren gröbsten Konturen erahnte. Erahnte zwar, aber eben nicht verstand und schon gar nicht beherrschte. Jeden Tag erweiterte Agravain mein Verständnis für die Differenz zwischen dem wahren Gong-fu und seinen im Kommerz aufgeweichten Varianten.

Agravain verlangte von mir nichts außer dem Willen, sein Lebensthema zu meinem zu machen. Mit der Siu Nim Tao zeichnete er seine inneren Linien nach. Ich wurde nicht müde, ihn dabei zu beobachten.

Manchmal klopfte er morgens um vier an die Tür meiner Kammer. Ich hatte dann fünf Minuten bis zum Appell. Wir begrüßten uns formell. Ich verneigte mich, er nickte. Der Mischling Max, Schäferhund Arno und Katze Betty beäugten das Geschehen. An Agravains Aufzug erkannte ich, was kommen würde. Stand Dauerlauf auf dem Programm gab es kein Wetter, das kurze Hosen ausschloss. Mitunter kommandierte er mich mit der Trillerpfeife beim Burpee - dem Liegestützsprung. Er verdonnerte mich zu Strecksprüngen, bei denen ich einen Medizinball fangen und zurückwerfen musste. Dabei wollte ich natürlich eine gute Figur machen. Agravain kannte meinen Ehrgeiz und forderte ihn heraus. Nie schliff er mich bis zu einem bitteren Ende. Stets bog er rechtzeitig vor meinem Verdruss auf einen Parcours ritueller Vergnügungen ab. Das Glück war garantiert in diesem magischen Winkel. 


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